Donnerstag, 9. August 2012

Korrespondent in Syrien: "Arbeiten unter Aufsicht des Regimes"



Armbruster in Damaskus  
ARD-Korrespondent in Syrien

Arbeiten unter Aufsicht des Regimes

Dreharbeiten in Damaskus - das ist Berichterstattung unter erschwerten Bedingungen und unter der ständigen Aufsicht des Assad-Regimes. Doch auch in der syrischen Hauptstadt gibt es Oppositionelle, die den Diktator offen kritisieren. Ein Einblick in die Arbeit eines Auslandskorrespondenten.
Von Jörg Armbruster, ARD-Studio Kairo, zurzeit in Damaskus
Eigentlich sollte der vergangene Montag ein Ruhetag werden für das ganze Team. Zehn Tage lang hatten wir am Fließband Stücke über die Lage in Syrien produziert, aus einem Studio des syrischen Fernsehens live berichtet und auch noch Radiomagazine mit Telefonberichten versorgt. Dafür hatten wir in Müllbergen verscharrte Leichen gedreht oder Hinrichtungsstätten mit Blutspuren und Einschusslöcher in Hauswänden, waren den Konvois der UN-Beobachtern hinterhergerast, hatten Syrer interviewt und irgendwann sogar echte Oppositionelle entdeckt, die es wagten das Regime offen vor der Kamera zu kritisieren.
Stadtzentrum von Damaskus am 17. Juli 2012 (Foto: AFP) Großansicht des Bildes In Damaskus gehen die Menschen weiter ihrem Alltag nach (Aufnahme vom 17. Juli). Jetzt aber war Relaxen angesagt, wenigstens für einen halben Tag. Arbeiten durften wir ohnehin nicht mehr. Unser für zehn Tage genehmigtes Arbeitsvisum war schon am Sonntagabend abgelaufen. "Kommt nicht auf die Idee, heimlich was zu machen", hatte Abir uns gewarnt. Das ist die strenge Dame vom Informationsministerium, an der kein ausländischer Korrespondent vorbeikommt. Doch mehr über sie später.

Also: Kamera auspacken, Pool vergessen

Aus dem Ruhetag wurde nichts. Erst explodiert an diesem Montag eine Bombe im Syrischen Staatsfernsehen, Gott sei Dank geringer Schaden, keine Toten, aber der dritte Stock zerstört, dort wo wir unsere Lives immer gemacht haben. Dann haut auch noch der Ministerpräsident des Landes, Riad Hidschab, mit Familie und einigen Kollegen nach Jordanien ab, weil er plötzlich die verbrecherische Seite des Assad-Regimes und seine wahrscheinlich schon seit langem schlummernde Leidenschaft für Demokratie entdeckt zu haben glaubt.
Riad Hidschab (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes Riad Hidschab wurde erst im Juni von Assad zum neuen Regierungschef bestimmt. Genau zwei Monate zuvor war er von seinem Chef Baschar al Assad vom Landwirtschaftsminister zum Premierminister befördert worden, angeblich mit vorgehaltener Pistole. So jedenfalls  stellt sein Sprecher diesen plötzlichen Karriereschub dar. Nach der Flucht natürlich.
Also: Kamera auspacken, unser Schnittprogramm Avid anwerfen, die Erholung am Pool vergessen. Dass Radioprogramme anrufen und sowohl Bombenexplosion und die Flucht des Ministerpräsidenten, der in der syrischen Politik nie eine wirklich wichtige Rolle gespielt hatte, eingeordnet haben wollen, versteht sich von selber. Die immer wiederkehrende Frage: "Ist das der Anfang vom Ende?" "Wie lange hält sich Assad noch?" Antwort auf die erste: "Ja!" und auf die zweite: "Weiß ich nicht!"

Arbeiten unter Aufsicht des Ministeriums

Von Abir, der Dame vom Informationsministerium, haben wir nichts gehört, keine Rüge, weil wir trotz Verbots gearbeitet hatten, keine Drohung, in Zukunft keine Visa mehr auszugeben, gar nichts. Vielleicht kann sie sich einfach nicht vorstellen, dass man es wagen könnte, gegen ihre Verbote zu verstoßen.  Damit ist klar, welche Schlüsselrolle diese Dame für Auslandskorrespondenten spielt. Sie ist gewissermaßen der Daumen des Regimes. Sie hebt oder senkt ihn bei Visa, sie hört sich gelangweilt an, was und wo wir drehen wollen, und wieder entscheidet ihr Daumen über ja oder nein.
Der aller erste Gang eines Auslandskorrespondenten  in Damaskus führt zu ihr. Hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz sitzt sie. Das Büro groß mit den üblichen Assad-Bildern an den Wänden, denen ein paar Eimer Farbe nicht schaden würde. Ein Fernseher läuft mit syrischen Nachrichten: „Die heldenhaften Soldaten vertreiben die von den USA gesteuerten Terroristen.“  Wir sitzen in einer ausgeleierten Couchgarnitur im Stil des arabischen Barocks und sehen sie erwartungsvoll an. Ein paar Floskeln über die Hitze, die Schönheit des Viertels sollen den Eispanzer brechen, der sie umgibt.

Alle fünf Tage eine neue Dreherlaubnis

Ist sie einigermaßen erträglich gelaunt, bringt eine verschüchterte Sekretärin Tee, hat Abir schlechte Laune, was nicht selten vorkommt, bekommt man nichts, was nicht weiter schlimm ist, der Tee ist ohnehin immer unerträglich überzuckert. Für uns gilt: Immer freundlich bleiben, und wenn sie fragt, was man von Syrien hält, dann dreimal schlucken und vorsichtig andeuten, dass das Land sicherlich noch eine große Zukunft vor sich habe. Lächelt sie zufrieden, ist das die beste Gelegenheit, Dreh- und Interviewwünsche vorzutragen. Sie hört zu, runzelt die Stirn, gleicht in ihrem Kopf unsere Wünsche mit den Vorschriften ihrer Vorgesetzten ab. Dann kommt die Sache mit dem Daumen. Erst wer diesen Bittgang erfolgreich hinter sich gebracht hat, kann seine Kamera auspacken und mit der Arbeit anfangen.

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Alle fünf Tage wiederholt sich diese Prozedur. Alle fünf Tage muss die Dreherlaubnis erneuert werden. Allerdings, wer glaubt mit einem Brief von Abir einen Freifahrtschein in der Tasche zu haben, irrt. Spätestens an der nächsten Straßensperre kann der Kommandant ein Drehverbot erteilen. Keine Dreherlaubnis für diesen Stadtteil, in dem gerade noch gekämpft worden war, keine Dreherlaubnis an dieser Moschee, die Kamera könnte Demonstrationen provozieren, keine Dreherlaubnis an jener Straßenkreuzung, dort stehen zu viele Soldaten. Keine Dreherlaubnis hier, keine dort.
Höchstens mal ein Interview. Aber was heißt hier schon  Interviews? Die Antworten sind immer dieselben, egal wen man fragt; denn neben der Kamera steht ein Begleiter des Informationsministeriums, der genau zuhört. Es wäre also verwunderlich, wenn jemand eine große Lippe gegen Assad riskierte. Er müsste jederzeit mit einem Besuch des syrischen Geheimdienstes rechnen.

Einige Oppositionelle werden geduldet

Ein zerstörtes Auto in der syrischen Stadt Damaskus (Foto: dapd) Großansicht des Bildes Die Kämpfe gehen auch im Zentrum von Damaskus weiter (Aufnahme vom 21. Juli). Und doch gibt es echte Oppositionelle in Damaskus, die sich sogar offen dazu bekennen, die offen sagen: "Assad muss weg. Früher oder später." Sie treffen sich regelmäßig, ihre Wohnungen sind bekannt, und sie werden geduldet vom Regime, vielleicht als Feigenblatt, vielleicht als Rückversicherung in die Zukunft. Es sind junge Syrer, die heftig die Zeit nach Assad planen. Liberale und Linke zumeist, die sich zumindest untereinander kennen und sich austauschen. Dabei sind auch altgediente Oppositionelle, die selber lange als politische Gefangene eingesperrt waren und trotz Folter ungebrochen an einem neuen Syrien arbeiten.
Was sie voneinander unterscheidet, ist der Grad des Zorns auf das Regime. Die Skala reicht vom Verdruss über die Starrheit des politischen Systems bis zur Empörung über die Diktatur mit ihren Menschenrechtsverletzungen. Was sie eint, ist die Forderung: Das Regime muss weg. Aber - im Unterschied zur Opposition im Exil - dies nur mit friedlichen Mitteln.

"Wir müssen träumen"

Die Opposition in Damaskus setzt nach wie vor auf einen Wandel ohne Gewalt, einen ohne ausländische Intervention. Sie hoffen, dass die beiden Großmächte, USA und Russland, auf ihren jeweiligen Syrien-Verbündeten einwirken, um einen Waffenstillstand zu erreichen. Annan war ein Hoffnungsträger für sie. Und fragt man sie: "Ist das alles nicht ein Traum? Jetzt noch friedlicher Wandel? Wie soll das möglich sein?" Dann antworten die Jungen: "Wir müssen träumen, sonst zerstören wir unser Land." Und die Alten sagen: "Wir haben einen schlimmen Albtraum hinter uns, aber mit dem Bürgerkrieg haben wir einen noch viel schlimmeren vor uns."
Stand: 09.08.2012 11:53 Uhr